Wissen: Marken, Meister, Techniken
Aus dem Norden: Schwedisches Silber und dessen Marken
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Schweden denken? Wikinger, Mittsommer, Nordlichter, Hundeschlitten im Schnee, Schloss Gripsholm, endlose Wälder, Elch-Crossing, karge Felsinseln, Pippi Langstrumpf, Knäckebrot und Köttbulllar? Oder denken Sie zuerst an den Möbelgiganten Ikea. (Lachen Sie bitte nicht – eine Blitzumfrage unter meinen Freunden ergab genau dies die Antwort Nummer 1.) Für mich steht Schweden für glückliche Kindheitserinnerungen, Familienurlaube auf Vaters Segelboot – mal lagen wir am Pier im lebhaften Hafen Stockholms, mal vor Anker in einsamen Buchten der schwedischen Schärengärten. Dazu idyllische, rote Holzhäuser, all-you can-eat -lunchs mit großen Platten voller Krebse und geräucherten Fischen, rote Grütze und den obligatorischen Zimtschnecken. Zudem liebten meine Eltern das Stöbern auf Flohmärkten und in Trödelgeschäften, wie sie es häufig in kleinen Städchen gab, um dort originelle Gegenstände zu erwerben – auch Silber. Ich begleitete sie gerne, wenngleich Interesse und Wissen für Silber sich damals in Grenzen hielten. Da dies heute völlig anders ist, wundere ich mich schon, warum es hier in Deutschland so wenige Angebote von skandinavischem Silber gibt. Weder beim Antiquitätenhändler, noch auf Auktionen, auch nicht denen im Norden, wo zumindest „spätes“ Dänemark gut vertreten ist. Da ich Kontakte nach Schweden habe und es zudem dort ein paar exzellente Auktionshäuser gibt, die Kunst-und Kunsthandwerk überwiegend aus Skandinavien verkaufen, konnte ich eine kleine Kollektion von schwedischem Silber aus dem 18. bis 20. Jahrhundert erwerben und möchte sie hier, zusammen mit Wissenswertem über schwedische Silbermarken, Ihnen vorstellen.
Kupferstich von Stockholm 17. Jahrhundert von Matthäus Merian (1592-1650)
Die meisten der hier gezeigten Silberobjekte sind im „Stil Gustavian“ gearbeitet, stammen entweder direkt aus der Originalepoche, die unter König Gustav III. (1771 bis 1792) eingeführt und unter seinem Sohn Gustav IV. (1792 bis 1809), fortgesetzt wurde, oder sind im Historismus, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts im Gustavianischen Stil als Hommage an diese Zeit gefertigt worden. Als Gustav III. 1771 den Thron bestieg, hatte der König in Schweden nur noch repräsentative Funktionen, die Landesführung lag beim Reichstag. Gustav III. putschte gegen den Reichstag und setzte eine neue Verfassung in Kraft, die die Befugnisse des Reichstages stark einschränkte, dafür dem König umfassende Regierungsmacht schenkte. Gustav III. brachte Schweden eine Reihe wichtiger Reformen, sein besonderes Interesse aber lag bei der Kunst und Kultur. Er förderte sie in allen Bereichen, Inspiration war Frankreich und Versailles. Zu dieser Zeit entstand bei der Innenarchitektur, der Möbelschreinerei und der Silberschmiede ein eigener Stil in Schweden, der "Gustavianische Stil". Im Rest von Europa ist es die Epoche des Klassizismus, in Frankreich auch als Louis-seize und Empire bezeichnet. Bei der schwedischen Variante vereinigen sich verspielte Rokokoformen mit klassizistischen Elementen, die auch Anklänge an die Antike zeigen. Der "Stil Gustavian" war die wohl prägnanteste Stilrichtung Schwedens- und blieb es auch. Noch heute ist er so populär und beliebt, dass nicht nur die Antiquitäten, vor allem die schwedischen Möbel, große Beliebtheit erfahren, sondern sich auch neue Interieur-Firmen auf diesen skandinavischen Vintage-Stil spezialisieren. Nach 1810 verstärkte sich der französische Kultureinfluss sogar noch, nicht zuletzt bedingt durch
durch den unter Napoleon dienenden, französischen Marschall Bernadotte, der als schwedischer Kronprinz adoptiert und 1818 zum König Karl XIV Johann gekrönt wurde.
Auf dem linken Foto sehen Sie ein prächtiges Paar Leuchter, das im Gustavianischen Stil, 1915 in Stockholm gearbeitet wurde. Es stammt von der berühmten Silberfirma und königlichem Hoflieferanten C.G. Hallberg, die seit 1860 in Stockholm ansässig war und zeitweise das größte und bedeutendste Juweliergeschäft in ganz Skandinavien war. Die Leuchter zeigen die für diesen Stil typische Dekor- Mixtur von Girlanden, Kanneluren, Blattfriesen und plastischen Akanthusblättern. Die Leuchter rahmen eine Bechervase mit auffallenden Schmuckgravuren von 1796 aus Uppsala und eine große Zucker- Gebäckdose aus Stockholm von 1812 ein. Die Dose ist schlicht gehalten mit einem Mäanderfries am oberen Rand, vier Blatt verzierten Klauenfüßen und – recht ausgefallen – einem schlafenden Hund als Deckelschmuck. Auf dem Tablett steht ein dreiteiliges Service, dessen Stielkanne für Kaffee, Kakao, aber auch Tee zu benutzen ist. Wie sich früh und später gleichen, sehen Sie bei der Gegenüberstellung dieses Services von 1897, mit dem kleinen Stielkännchen von 1780, und der Zucker-Gebäckdose 1782 vom Foto rechts.

Links: Zuckerdose 1897, rechts Zuckerdose 1782
Kommen wir zu den Marken: Bis 1912 tragen schwedische Silberobjekte 4 Marken: Die Staatmarke (die auch für Gold gültig ist), die Stadtmarke, den Jahresbuchstaben und das Meisterzeichen. Ab 1912 kommt zur Staatsmarke ein S im Sechseck dazu. Der Silberfeingehalt beträgt 830/1000, die alte Bezeichnung war Lot, wobei reines Silber 16 Lot waren.
1. Staats-Landesmarke:

Das schwedische Landeswappen zeigt seit dem 14. Jahrhundert drei Kronen auf blauem Grund, tre kronor genannt. Die drei Kronen, so vermuten die Heraldiker, stehen als Symbol für die Königreiche der Schweden, Goten und Wenden. So finden die drei Kronen auch als Stempel für Silber ihre Verwendung. Im Jahr 1752 wurde die staatliche Kontrolle und Punzierung für Silber und Gold per Gesetz erlassen und trat am 1. Januar 1754 in Kraft. Alle in Stockholm hergestellten Gold-und Silbergegenstände unterstanden der Kontrolle des Königlichen Münzamtes, das auch das staatliche Punzzeichen prägte: Die drei schwedischen Kronen auf einem horizontal gerippten Grund innerhalb eines dreiblättrigen Kleeblattes. In den Provinzen stellten Beamte des Punzierungsamtes Stempel zur Verfügung und entnahmen Proben zum Nachweis des eingehaltenen Silbermindestgehalt von 830/1000, die dann zur Untersuchung nach Stockholm an das Münzamt geschickt wurden. Ab 1. Januar 1913 wurde ein Stempel für den Import eingeführt, drei Kronen im ovalem Grund, für die heimische Produktion galt weiterhin die Kleeblattform.
2. Stadtmarken und Ortszeichen:
Bis 1860 gelten in Schweden die „alten Stadtmarken“, Marken mit einem Symbol, das das jeweilige Stadtwappen oder Teile davon zeigt.
Das Wahrzeichen von Stockholm ist der Kopf des Heiligen Erik. Erik IX. war von 1156 bis 1160 König von Schweden und gilt als Schutzpatron von Stockholm und ganz Schweden. Um Erik IX. ranken sich viele Geschichten, zu denen viele eher zu den Legenden gehören. Von 1596 bis 1850 führt die schwedische Silber-Fachliteratur 75 verschiedene Stadtmarken von Stockholm auf. Die ersten 25 Marken waren noch Einzelkronen, ab 1689 ist es das Haupt des Heiligen Erik in verschiedenen Darstellungen und Umrandungen. Ab 1860 steht der Kopf in einem Rund, die Augen sind nach vorne gerichtet.
Weitere Beispiele:
Links das Bezirkswappen von Uppsala (das Stadtwappen von Uppsala zeigt einen nach links schreitenden Löwen), daneben die Silber-Stadtmarken von Uppsala 18. und 19. Jahrhundert. Rechts das Stadtwappen von Jönköping, daneben die Silber-Stadtmarken des 18. und 19. Jahrhundert.
Neben den modifizierten Stadt-und Bezirkswappen als Stadtmarken, gab es auch vereinzelt den Anfangsbuchstaben der Stadt als Silber-Stadtmarke. Sie sehen hier die Stadtmarken für Göteborg, Karlstad und Växjö, die Symbolmarken aber überwiegten.
1858 hatte der Direktor des Reichskontrollamtes den Vorschlag, die alten Stadtmarken durch eine Marke zu ersetzten, die nur den Anfangsbuchstaben des jeweiligen Herstellungsortes darstellt. Ca. 1860 wurde diese Idee umgesetzt und trat in den meisten Städten in Kraft. Da es viele Städte mit gleichem Anfangsbuchstaben gibt, wurden die Großbuchstaben in unterschiedlichen Stilen und unterschiedlichen Umrandungen dargestellt. Stockholm behielt seine Stadtmarke, den Kopf des Heiligen Erik. Ab 1912 werden - mit Ausnahme von Stockholm – alle Stadtzeichen so dargestellt.
Nehmen wir das Bespiel A, von links nach rechts die Städte: Alingsäs, Arboga Arvidsjaur, Arvika, Askersund, Avesta, Västeras, Ähus.
Hinweis: Wird das A mit einem Punkt/kleinem Kreis auf dem Kopf geschrieben, also å wie in Vesterås oder Å wie bei Åhus wird das a als o ausgesprochen.
3. Jahresmarken:
Das zweitälteste (in England ab 1478) und einfachste System, das noch heute Anwendung findet, ist das schwedische Datierungssystem, das ab 1759 für ganz Schweden eingeführt wurde. Bereits ab 1689 gab es für Stockholm (und anderen Städten) Jahreszahlen, die ähnlich den englischen Jahreszahlen – allerding ohne Umrandung – Buchstaben in unterschiedlicher Schreibweise darstellten. Ab 1759 begann ein neues System, das mit einem großen lateinischen A begann und allen 24 Buchstaben des Alphabetes folgte. Da man 1782 beim Buchstaben Z angelangt war, wurde eine Zahl nach dem Buchstaben eingefügt, beginnend mit der Zwei, nach weiteren 24 Buchstaben die Drei, usw. Die Tabelle zeigt, dass man mit der Kombination Z 10 sich im Herstellungsjahr 1998 befindet.
4. Meistermarken:
Bei den Meistermarken sehen wir sowohl die Initialen der Silberschmiede, als auch den vollständig ausgeschriebenen Namen. Hier Beispiele der Silberschmiede Pehr Zethelius und Johan Wahlström.
Markenbeispiele:
Silberobjekte wurden und werden nur für den Import nach Schweden zugelassen, wenn sie mindesten den schwedischen Mindestfeingehalt von Silber 830/1000 aufweisen können.
Literatur:
"Guld- och Silbersmeder, I Severige 1520-1850" av Gustav Upmark (Nordiska Museets Sytyresman), Stockholm Fröléen & Comp.
Kersti Holmquist "Svenskt Silversmide, Guld- och silverstämplar 1850- 1912", (Nordika Musseets Förlag)














